Rechtsanwaltskanzlei Vera Hahn in Reutlingen

"Unterscheide Person und Rede"

Mit Rechten reden - Ein Leitfaden; Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn; Klett-Cotta (2017); ISBN 9783608961812; EUR 14,00.

In diesem Buch geht es nicht darum, Recht gegenüber Rechten zu haben, sondern darum, miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch wollen die Autoren unter „den Rechten“ nicht bestimmte Gruppen und Überzeugungen zusammenfassen, sondern eine bestimmte Art des Redens analysieren, die „reaktive Rede“. Insofern ist der Zusatz, dass es sich bei diesem Buch um eine Entscheidungshilfe, also einen Leitfaden, und nicht um verbindliche Handlungsvorgaben handelt, wegweisend. 

Mich hat das Thema interessiert, weil ich in Nachrichtensendungen zwei missglückte Interviews mit „Rechten“ verfolgt hatte. Missglückt aus dem Grund, da die Moderatorinnen schlussendlich überhaupt keine inhaltlichen Standpunkte erfragt, sondern lediglich eine Abwehr- und Opferpose des Gegenübers provoziert hatten. Das Ergebnis war frappierend, denn der Interviewte erschien überzeugend, wenn auch inhaltlich ohne jegliche Substanz, die Moderatorinnen aber unangenehm und moralisch von vornherein negativ voreingenommen. Es stellt sich die Frage, wie sich also ein Zuschauer aufgrund eines solchen Interviews seine Meinung bilden und nicht schlicht Partei für die attackierte Seite ergreifen sollte. Selbstverständlich fügt sich das Thema auch in die allgemeine Verunsicherung in Zeiten der kurzen und kürzeren Internetnachrichten, von Fake-News und schwieriger werdender Auswahl von detailliert recherchierten Hintergrundinformationen. Aber es stellt doch auch eine schwerwiegende Herausforderung in einer Demokratie dar, für die der Meinungsaustausch elementar ist. Enden solche Gespräche mit Opfern und Mythen kann es im Sympathisieren mit dem Interviewten gipfeln. In der Sache wurde nichts erreicht oder geklärt.

Das Buch „Mit Rechten reden“ bietet nachvollziehbare Erklärungen für die Ursachen unglücklich verlaufender Gespräche mit „Rechten“. Diese Gespräche thematisieren vornehmlich die Beziehung zwischen den Akteuren, aber weder Inhalte noch Ansichten. So führt ein solches Interview nicht zu einer sachlichen Diskussion, sondern zu einem Sprachspiel, einem Kreislauf von Empörung, Provokation, Widerspruch und Vieldeutigkeit.

Die Analysen, wie man diesem Spiel begegnen könnte, sind unbedingt lesenswert (ab Seite 88). Die Erzählung über die Erfahrungen mit einem Informanten aus dem Kreis der „Rechten“ davor (ab Seite 54) kann man meiner Meinung nach am ehesten überspringen. Zum Beispiel gibt es die Anregung als Reaktion auf eine vieldeutige Äußerung der „Rechten“ zu einem sensiblen Thema, keinen Skandal auszulösen, keine Empörung und Verteufelung zuzulassen, sondern besser rational zu argumentieren, sachlich zu bleiben und den Ball zurückzuspielen. So lautet die erste der von den Autoren aufgestellten Regeln „Unterscheide Person und Rede.“, womit gemeint ist, dass es auch bei einer Moderatorin um die Art geht, etwas zu sagen, nicht nur um die Meinung an sich. Dabei jedoch erfolgreich zu sein, wenn es an Objektivität mangelt und eine geradezu pubertäre Enttäuschung der „Rechten“ aufgrund der Haltung vorherrscht, sich schlicht prinzipiell im Widerspruch zur Welt zu inszenieren, ist eine wahre Herausforderung. Wem täte es nicht gut, sich darin zu schulen?