Rechtsanwaltskanzlei Vera Hahn in Reutlingen

Literaturempfehlung Sachbuch - September 2016

Nichts als die Wahrheit? Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann; Max Steller; Heyne (2015); ISBN 9783453200906; Euro 19,99 (auch als eBook lieferbar)

Es stehen Vorwürfe zu sexuellem Missbrauch oder Mobbing im Raum. Man würde gern wissen, ob sie berechtigt sind. Wie kann man sich der Wahrheit nähern, beispielsweise in jenen Strafprozessen, in denen mangels Fakten und Beweisen Aussage gegen Aussage steht? Denn mehr findet sich oft nicht oder es werden Details übersehen, da sie manches Mal auch nur in akribischer Analyse erkannt werden könnten.

Die Wissenschaft der Aussagepsychologie ist leider zu unbekannt. Die Mechanismen beim Umgang mit der, manches Mal auch nur angeblichen, Aufdeckungsarbeit insbesondere beim sexuellen Missbrauch von Kindern leider auch. Dabei können die Folgen fatal sein. Der Bundesgerichtshof hat die Aussagepsychologie explizit 1999 als Beweismittel zugelassen. Sie untersucht den Wahrheitsgehalt von Aussagen, vornehmlich in Strafprozessen, von Zeugen und von Beschuldigten. Zunächst gilt der Grundsatz „in dubio pro reo“ - im Zweifel für den Angeklagten. Dies muss schon in der Ermittlungsarbeit gelten. Denn in Missbrauchsfällen können, so hat es die Geschichte dieser Prozesse gezeigt, sowohl der/die Angeklagte als auch der/die Zeuge/Zeugin Opfer oder auch Täter sein. Hat der Vater die Tochter sexuell missbraucht, ist die Rollenverteilung bekannt: Der Vater ist Täter, die Tochter Zeugin und Opfer. Passiert aber der umgekehrte Fall und wird ein Vater zu Unrecht angeklagt, ist oft sein Leben zerstört oder schwer beschädigt. Ebenso ein Opfer mit oft verheerenden Folgen für ihn und die Familie. Grund genug, dass die Aussagepsychologie mit ihren fundierten Methoden zum Nachweis der Richtigkeit von Aussagen eingesetzt wird.

Mich frappierte dieses Buch. Es gibt Methoden und Möglichkeiten, Aussagen fernab von generellen Vorurteilen oder Vorverurteilungen zu analysieren. Gerade auch, um pauschalen und falschen Behauptungen, wie z.B. der, dass eine traumatisierte Person sich gerade aufgrund des erlebten Traumas nur lückenhaft oder widersprüchlich erinnern könnte, wissenschaftlich Nachgewiesenes entgegensetzen zu können. Denn nicht die Widersprüchlichkeiten sind zu erklären, sondern der Wahrheitsgehalt einer Aussage nachzuweisen.

Die Differenzierung zwischen Erlebtem, Erinnerungen, Lügen und Scheinerinnerungen ist gleichwohl schwierig und sollte deshalb umso umsichtiger angegangen werden. Bei der Erinnerung an Erlebtes muss man sich anstrengen, sich gut zu erinnern. Das Lügen ist noch anstrengender, da man sich nicht auf tatsächlich Erlebtes beziehen kann, sondern Entscheidendes, aber auch Nebensächlichkeiten in einen real existierenden Rahmen einpassen, erfinden muss. Es stellt also eine anspruchsvolle geistige Leistung dar, bei der leicht Fehler gemacht werden können und gemacht werden. Somit arbeiten die aussagepsychologischen Gutachter mit der Methode der Inhaltsanalyse und des Weiteren mit Realkennzeichen. Zweifelt der Aussagende hin und wieder, wäre dies eher ein Anzeichen für die Wahrheit. Lügner meiden Zweifel, da sie alle Zweifel ausräumen wollen.

Verkompliziert wird die Wahrheitsfindung darüber hinaus durch Scheinerinnerungen. Die Scheinerinnerung wird nicht vorsätzlich erfunden, ist aber doch eine falsche Vorstellung von der Wirklichkeit. Sie ist suggestionsbedingt entstanden, durch direkte Beeinflussung von anderen, häufig durch Aufdeckungsarbeit oder angebliche Psychotherapien. So kann aus einer bloßen Vorstellung nach vielen Wiederholungen und eingebrachten Suggestionen für die beeinflusste Person eine Erinnerung an ein Erlebnis werden, obwohl das angeblich Erlebte nie real war. Besonders anfällig für diese Suggestionen können Kinder und psychisch labile oder psychisch kranke Erwachsene sein. Man kann sich das Leid kaum ausmalen, das durch solche nicht identifizierten Scheinerinnerungen und somit falsche Ansätze in Gutachten ausgelöst wird und wurde. Es sind selbstverständlich wieder andere Methoden anzuwenden, um sie aufzuspüren, als dies bei einer Lüge der Fall wäre. Weniger Voreingenommenheit ob des Leids und des Entsetzens und ein Mehr an wissenschaftlich fundierter Aussagepsychologie ist dringend geboten.

Für Juristen, Psychologen und Therapeuten sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre gehören oder die Aussagepsychologie zu den Pflichtfächern im Studium. Es ist erhellend und erschreckend zugleich. Erschreckend auch, weil es erstaunt, wie wenig bekannt diese Wissenschaft in Strafverfahren und bei Missbrauchslobbyisten der letzten Jahrzehnte war und möglicherweise noch ist. Mit Max Stellers Worten ausgedrückt: „Für Rationalität in einem emotionalisierten Feld!“